Jon Snow und der Norden

Es ist ein klirrend kalter Abend, hier im Norden, an der Grenze der zivilisierten Welt. Nur wenige Fackeln erleuchten die alte Mauer und die Soldaten sind hin und hergerissen zwischen ihrer Wärme und dem Schutz, den sie in der Dunkelheit haben. Niemand weiß, was in den Schluchten und Seen jenseits des Walls lauert – Wilde, Monster, Dämonen oder Geister. Kaum jemand, der die Kastelle verlässt, um noch weiter Richtung Norden zu reiten, kehrt je zurück. So manch einer fragt sich wohl, was er getan haben mag, um eine Versetzung hier ans Ende der Welt verdient zu haben…

So oder so ähnlich könnte es ausgesehen haben, damals auf Hadrians Wall, der für die Römer die Grenze zwischen ihrem Weltreich und den Barbaren im heutigen Schottland bildete. Die geografische Ähnlichkeit zwischen England und Westeros ist sicherlich den meisten schon aufgefallen, und George R.R. Martin selbst hat angemerkt, es sei ein Besuch bei Hadrians Wall im Norden Englands gewesen, der ihn zu seiner Serie inspiriert hat. Ein Großteil der Serie wird immerhin in Irland und Großbritannien gedreht – so könnte die Aussicht vom Hadrianswall tatsächlich irgendwie sogar dem geistigen Bild Martins entsprechen, oder nicht?

Nördlich des Walls lauerten übrigens natürlich keine Weißen Wanderer und Riesen, dafür jedoch die Pikten, ein wildes Völkchen, deren Name angeblich von ihrer Sitte stammt, sich am ganzen Körper zu tätowieren (also Tinte in die Haut zu picken). Dabei handelte es sich allerdings genauso wie bei den Wildlingen nicht um ein großes Volk, sondern um viele kleine, untereinander oft verfeindete Stämme, die von „ignoranten Südländern“ unter einem gemeinsamen Namen zusammengefasst wurden. Zu ihren Feinden gehörten die Skoten, die wiederum für die Namensgebung von Schottland verantwortlich sind.

Die Pikten selbst weisen ihrerseits einige überraschende Parallelen zu den Wildlingen auf. So waren sie in Stämmen organisiert, und es gibt Berichte äußerst überraschter Römer, die bei ihren Schlachten gegen die Barbaren auf weibliche Kriegerinnen trafen, die nicht etwa seltsame Einzelfälle darstellten, sondern im Gegenteil hohes Ansehen genossen, und generell als Frau einen hohen Status erreichen konnten. (Die wussten eben gar nichts, die Römer.)

Sowohl für die Pikten als auch für die Römer nahm die Sache jedoch kein gutes Ende. Die Pikten wurden über kurz oder lang ins Reich der Skoten eingegliedert und gingen ganz darin auf. Der Hadrianswall war, wie die Große Mauer, ständig hart umkämpft, und Versuche, die Pikten zurückzudrängen, scheiterten kläglich. Die schwächer werdenden römischen Kaiser zogen sich schließlich aus Britannien zurück und überließen das Land sich selbst und den andrängenden Invasoren – den Wikingern und den Kelten. Ob ein ähnliches Schicksal wohl in Westeros vonstatten gehen wird? Die Greyjoys scheinen bisher immerhin von den Weißen Wanderern noch am wenigsten betroffen, und wer weiß, wie weit die Wildlinge noch nach Süden flüchten werden. Und wäre es nicht viel zu klischeehaft, wenn am Ende tatsächlich Daenerys den Eisernen Thron gegen die Weißen Wanderer verteidigt, und als Königin herrscht?

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