Assassins Creed. Die neue Hoffnung der Spiele-Verfilmungen?

Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.

Böse Zungen behaupten, dies sei das Motto, nach dem sich alle möglichen Buch- und Spielverfilmungen der letzten Jahre gerichtet haben: Die Vorlage interessiert nur am Rande, Änderungen an Plot und Charakteren sind nicht etwa ein letztes, verschämtes Mittel, sondern Usus und dienen oft dazu, vermeintlich „zu komplexen“ Stoff einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Ungefähr auf dieser Basis versetzten mich schon die ersten Trailer zum neuen, lang erwarteten Film zu Assassin’s Creed in arge Stimmungsschwankungen – irgendwo zwischen „ahhhh, oh Gott, es passiert wirklich!!!“ und „Himmel hilf, es passiert wirklich“.

Noch bevor ich auch nur eine Minute des tatsächlichen Films gesehen hatte, taten sich in mir die schlimmsten Befürchtungen auf. Michael Fassbender ist Produzent, aber führt auch Regie? Haben wir es hier mit einer One-Man-Show im Stil von Johnny Depp zu tun? Wer zum Teufel macht da die Musik, kennt man den überhaupt – ein australischer Rockmusiker? (Für diejenigen, die es nicht wissen: Ich bin ein unsagbarer Fan von Filmmusik. Wenn die nicht stimmig ist, ist der Film recht schnell bei mir unten durch.)

Interessanterweise hatte ich, als ich das Kino verließ, keine Meinung. Das ist schon mal kein gutes Zeichen. Diese besagte Meinung kristallisierte sich erst heraus, als ich ein bisschen Zeit hatte, um darüber nachzudenken.

 

+++AB HIER FOLGEN UNWEIGERLICH SPOILER AUS DEM FILM+++

 

Fangen wir ganz einfach vorne an. Der Film beginnt, stimmig und – wie ich da noch dachte – angemessen im Spanien des Jahres 1492. Aguilar, der Assassine, den wir durch den Film begleiten würden (erneut: wie ich da noch dachte), legt sein Gelöbnis auf den Orden ab. Dass dieses Gelöbnis Fingerabhacken und ähnliches beinhaltet, war mir jetzt neu, aber damit wären wir wieder bei „nichts ist wahr, alles ist erlaubt“; ein bisschen martialisch muss schon sein um den Leuten direkt zu zeigen, dass wir es hier mit ganz harten Kerls zu tun haben. Von Aguilars Gefährten erfahren wir übrigens rein gar nichts – keine Namen, kaum Gesichter, nicht einmal von der Dame, die ihn bis zum Ende des Films begleiten soll.

Unter epischen (viel zu lauten) Rockmusikklängen wechselt die Szenerie ins Amerika der Zukunft. Wir sehen den jungen Callum Lynch, der Stunts auf seinem Fahrrad übt. Nur kurze Zeit später kehrt er nach Hause zurück, findet dort seine Mutter (scheinbar) von seinem Vater ermordet und seinen Vater im Schockzustand vor; kaum zehn Minuten später stehen auch schon die Templer in S.H.I.E.L.D.-würdigen schwarzen Vans vor der Tür, schleifen Papa aus dem Haus, und Callum muss fliehen. In die Wüste. Mit acht Jahren. Die Templer finden ihn dreißig Jahre lang nicht. Lassen wir das mal so stehen. Lassen wir es auch mal so stehen, dass – wie sich später herausstellen wird – zwei erwachsene, erfahrene Assassinen lieber Selbstmord begehen und sich gefangen nehmen lassen, anstatt den Templern, die erst knapp eine halbe Stunde später eingetroffen sein müssen, zu entwischen.

Später zeigt sich die Story, wie man sie vom Trailer her erahnen konnte: Callum soll hingerichtet werden, wird für tot erklärt und von Abstergo einkassiert. Die hübsche aber unnahbare Wissenschaftlerin klärt ihn mit rauchiger Stimme über Templer und Assassinen auf, bevor sie ihn in den Animus steckt (der wahrscheinlich auch aus Showgründen von der üblichen Liege in eine Art VR-Maschine verwandelt wurde). Der Rest des Films besteht dann daraus, Callum dabei zuzuschauen, wie er seine Assassinen-Vergangenheit ablehnt (nein, wirklich? Der Auserwählte lehnt seine Aufgabe zunächst ab und behauptet, er sei ungeeigneet? Das hat man ja noch nie gehört…), halb-tiefgründige Gespräche mit der Wissenschaftlerin führt, während sie von ihrem Vater – einem hochrangigen Templer – aus dem Schatten heraus beobachtet werden. Seine Assassinen-Mitgefangenen überlegen währenddessen, ob es nicht besser wäre Callum selbst umzubringen, bevor der den Templern die letzte Ruhestätte des sagenhaften Apfels von Eden verraten kann.

(Noch ein Spoiler: Sie entscheiden sich dafür, und natürlich klappt es nicht. Wie man als Templer auf den Gedanken kommen kann, mindestens fünfzig Assassinen im selben Gebäude gefangen zu halten und ihnen regelmäßig Zugang zu diversen, historischen Waffen zu ermöglichen, ist mir völlig schleierhaft. Aber aus Plotgründen haben sie in den Jahren davor eben nie versucht, auszubrechen.)

Lediglich die letzte halbe Stunde des Films entwickelt dann noch so den Ansatz von Spannung, als die gefangenen Assassinen nun tatsächlich ausbrechen und sich daran machen, den Templern den Apfel von Eden wieder zu entreißen. Das geschieht selbstverständlich erst, nachdem Callum unter ihnen seinen inzwischen deutlich gealterten Vater entdeckt und sich mit diesem ausgesprochen hat, während er ihm gleichzeitig eine Assassinenklinge zuschmuggelt.

Und hiermit haben wir auch schon das größte Problem des Films, das er interessanterweise mit dem Spielen teilt: Die Gegenwartshandlung ist völlig uninteressant, aber man wird als Zuschauer dennoch gezwungen, sich vorranging damit zu beschäftigen, während das, weshalb man eigentlich in den Film gegangen ist – die Assassinen, ihr historischer Kampf gegen die Templer, Parcours durch die Spanische Inquisition – auf vielleicht 45 Minuten zusammengeschnitten ist. Tatsächlich erfährt man nichts, aber auch gar nichts, über die Charaktere des Mittelalters.

Aguilar bleibt ein Schatten, der außer seinem Namen nichts zu bieten hat – und seine glutäugige Mitstreiterin hat nicht mal das. Wenn ihr Name zwischenzeitlich tatsächlich doch mal fiel, dann so dermaßen im Nebensatz und ertränkt zwischen Actionszenen, dass ich mich partout nicht an ihn erinnern kann. Die historischen Szenen beschränken sich dann nun auch auf exakt das, und laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Man sieht etwa dreißig Sekunden lang einen Adler kreisen. Die Assassinen wechseln in irgendeiner Form vier oder fünf ernste, leicht hölzern wirkende Sätze und dann geht’s ab ins Getümmel. Es wird geklettert und gemeuchelt, was das Zeug hält – und dann ist die Szene um. Man sitzt wieder in der Gegenwart und neben Callum Lynch im Labor, der wiederum ebenfalls nur dasitzt und über sein Leben und den Animus sinniert.

Damit geht einem als Zuschauer absolut das verloren, was doch eigentlich immer das Interessante an den Spielen war: Die Assassinen selbst. Wer ist Aguilar? Was ist seine Motivation – warum tritt er dem Orden erst vergleichsweise spät bei? Was verbindet ihn mit seiner Mitstreiterin, abgesehen von einem hochdramatischen Wir-werden-gleich-sterben-lass-uns-unsere-Stirn-aneinander-legen-Moment? Bei dem dritten Assassinen im Bunde scheint es sich laut Aussage der Templer um „seinen Mentor“ zu handeln – aber leider hat man selbst dessen Gesicht vorher kaum gesehen, sodass dessen Tod (wie unerfreulich er auch sein mag) weder für uns großartig ins Gewicht fällt, noch sehen wir Aguilar irgendwie um ihn trauern. Geht auch gar nicht, denn sofort 484-film-page-largemuss wieder gerannt, getötet und von Hausdächern gesprungen werden, und dann ist die Szene auch schon wieder um, bevor noch – díos mio – so etwas wie Charakterentwicklung aufkommen könnte. Dann sind die Abschnitte auch noch so seltsam geschnitten, dass sie alle mit einem offenen Ende abgebrochen werden und man sich in der nächsten Szene wieder ganz woanders befindet. Gerade eben noch hängt Aguilar mit dem Jungen, den er beschützen sollte, an einer Klippe, alle Gegner sind beinahe besiegt – und in der nächsten Szene hockt er auf einmal samt (vermutlicher – man weiß es nicht) Herzdame im Kerker der Inquisition und soll hingerichtet werden. Diese Szene wiederum endet mit einem Sprung vom Dach der Kathedrale und mit Callums Desynchronisierung (!) – doch der nächste Rückblick beginnt in Granada, und alles, was davor geschah, scheint keine Auswirkungen gehabt zu haben. Den Rest muss man sich zusammenreimen. Das macht nicht viel Sinn, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass diesen Film genug Leute schauen werden, die die Spiele nicht gespielt haben.

Alles in allem wirken die Mittelalter-Szenen eher wie eine Hommage an die Fans des Spiels. Sie enthalten durchaus das eine oder andere Easteregg (Rauchbomben, Luftattentate, den Todessprung), aber sind mehr ein „guckt mal, wir haben nicht vergessen, wie das Spiel funktioniert!“ als dass sie einem irgendwie die Möglichkeit lassen würden, in den Film einzutauchen. Ganz schwache Leistung, Ubisoft.

Und dann ist da noch die bereits erwähnte Gegenwartshandlung. Dazu habe ich mich bereits anfangs geäußert, und will hier daher nicht nochmal alles wiederholen, aber es bleibt auch hier dasselbe Problem: Die Charaktere wirken extrem eindimensional und klischeehaft. Fangen wir vorne an…

Callum ist ein Mörder. Das wissen wir, denn er soll direkt zu Beginn des Films hingerichtet werden. Wir erfahren gerade eben so im Nebensatz, dass er anscheinend einen Zuhälter getötet hat. Ich nehme an, das soll seine Tat irgendwie relativieren und ihn wieder zum Good Guy erklären, aber meines Wissens nach landet man nicht in der Todeszelle, weil man Nothilfe geleistet hat, und somit hat sich der Punkt eigentlich auch schon gleich wieder erledigt. Jetzt könnte man noch davon ausgehen, dass hinter seiner Hinrichtung insgesamt Abstergo stecken könnte. Das würde man vielleicht auch vermuten, aber wiederum nur, wenn man die Spiele und die Verbindungen der Templer so kennt. Tut man es nicht, hat man keine Chance darauf zu kommen. Und so sitzt Callum die meiste Zeit des Films über mit griesgrämiger Miene in seinem von Abstergo gesponserten Laborrattenkäfig, und hat Visionen von Aguilar. (Nicht, dass Aguilar in diesen irgendwie an Persönlichkeit gewinnen würde; er ist nur da, und guckt genauso düster zurück. Und macht gelegentlich Assassinenmoves.)

Sofia, die Wissenschaftlerin, ist eine Wissenschaftlerin, die Wissenschaft betreibt. Eine der wenigen Szenen, in denen man sie nicht in ihrem Labor über rätselhaften Zeichnungen oder im Abstergo-VR-Spaßzimmer, in das der Animus verwandelt wurde, sieht, besteht aus einem Dialog mit ihrem Vater über Sinn und Unsinn der Konsumgesellschaft. Okay. In diesem Gespräch erfährt man außerdem, dass sie „brilliant“ ist – selbstverständlich – aber worin genau diese Brillianz sich äußert, bleibt mir schleierhaft. Auch die gelegentlichen Gewissensbisse, die sie über ihre Arbeit zu haben scheint, lassen sie eher verwirrt als innerlich rebellisch wirken, wie es vielleicht angedacht war. Da in der Regel in derselben Szene noch angemerkt wird, dass Widerstand sowieso blöd und zwecklos ist, ist auch nichts davon besonders effektiv, und lässt sie eher wie eine hysterische Teenagerin wirken als wie eine ernst zu nehmende Wissenschaftlerin.

Rikkin, Sofias Vater, hat jetzt charakterlich auch nicht viel mehr zu bieten. Er ist halt die schattenhafte Gestalt, die durch den Hintergrund schleicht und drohend auf alle Anwesenden heruntersieht, um gelegentlich anzumerken, dass die Errungenschaften seiner Tochter ein großer Schritt für die Templer und die Menschheit sind. Und damit hat sich seine Rolle eigentlich auch schon erledigt.

Ich denke, die meisten werden mir zustimmen wenn ich sage, dass Assassins Creed an sich das Potential für viele, viele Blockbusterfilme hat. Leider hat man in diesem Fall aber so ziemlich alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können. Wer diesen Film schaut, weil er auf Verschwörungstheorien, politisches Drama in der Spanischen Inqusition und Kostümklamotte hofft, wird unweigerlich enttäuscht werden, auch wenn der Trailer es so darstellt. Wer diesen Film schaut, weil er auf eine Mischung aus Science Fiction und Fantasy hofft, wird ebenfalls enttäuscht werden. Der Fantasy-Aspekt tritt stark in den Hintergrund und Science Fiction-Feeling kann kaum entstehen, nicht zuletzt wegen der bereits erwähnten Eindimensionalität der Charaktere und der Tatsache, dass das, was man am häufigsten sieht, wohl das Innere von Callums Laborrattenkäfig ist.

Es ist nicht einmal möglich, diesen Film zu schauen, und sich über ein Wiedersehen mit lieb gewonnenen Spielcharakteren zu freuen, denn auch hier hat man sich dazu entschlossen, alles was wir beispielsweise über Desmond Miles und Anhang wissen komplett zu ignorieren. Und was ich zu guter Letzt noch anmerken muss: Selbst der Soundtrack lässt zu wünschen übrig. Es gibt nicht eine einzige Melodie mit Wiedererkennungswert. Das meiste ist dumpfes Gedröhne und E-Gittarre, während dramatische Adler am Himmel kreisen. Schade.

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