Zwischen Tüll und Tartan – Historische Kostüme in Outlander?

Autorin: Christina

In diesem Artikel möchte ich ein bisschen was zur historischen Mode des 18. Jahrhunderts und zur historischen Korrektheit von Filmkostümen erzählen, in diesem Fall am Beispiel der Serie Outlander.

Bevor man sich mit der Analyse von Filmkostümen beschäftigt, sollte jedoch bewusst sein, dass es für die Authentizität oder eben auch fehlende Authentizität der gezeigten Kleidung mehrere Gründe geben kann, die ich vorweg kurz erklären möchte.

Zum einen besteht das Problem, dass Kleidungsstücke gewisser Epochen in keinster Weise unseren heutigen Ansichten von Ästhetik oder Moral entsprechen und ein Charakter offenbar erst dadurch ernstzunehmender oder eindrucksvoller wird, wenn die Mode modernen Standards angeglichen wird. Allerbestes Beispiel sind hier Filme und Serien aus dem 16. Jahrhundert; habt ihr schon mal eine Schamkapsel bei The Tudors gesehen? Nein, natürlich nicht, denn es sieht für unsere Augen auch unglaublich lächerlich aus. Und auch wenn Joseph Fiennes bei Shakespeare in Love unglaublich lässig wirkt mit seinem aufstehenden Hemd, ändert es doch nichts an der Tatsache, dass er für damalige Verhältnisse konsequent in Unterwäsche über die Straßen läuft.

Dies führt zu einem weiteren Punkt, nämlich dem der Bequemlichkeit für Schauspieler und Schauspielerinnen. Natürlich verlangt es einer Frau, die nicht dran gewöhnt ist, einiges ab, stundenlang in einem Korsett und langen Kleidern am Set herumzulaufen, weshalb gerade hier gern gespart wird oder Schnitte zugunsten des schnelleren An- und Ausziehens verändert werden (Stichwort Rückenschnürungen bei Kleidern des 18. Jahrhunderts, fehlende Korsetts, Reißverschlüsse, Klettverschlüsse etc. ).

Fehlen können aber auch finanzielle Mittel, um authentische Materialien wie beispielsweise Stoffe zu kaufen oder herzustellen – denn vieles, was damals noch relativ einfach erhältlich war, ist heutzutage kaum noch oder nur für teures Geld zu bekommen –, genauso wie ein Kostümbildner aufgrund mangelnder Zeit z.T. nicht einmal die Chance erhält, alles Nötige in ausreichendem Maße recherchieren zu können. Zudem ist es, das muss ausdrücklich gesagt werden, nicht immer die alleinige Entscheidung der Kostümabteilung, wie ein fertiges Kleidungsstück auszusehen hat. Wenn der Produzent dieses und jenes für eine gewisse Szene verlangt, dann hat ein Kostümbildner selten ein Vetorecht und muss die Authentizität durchaus dem Gewünschten unterordnen.

Und damit kommen wir zu einem weiteren, vielleicht sogar zum wichtigsten Punkt; ein Kostüm in einem Film oder einer Serie orientiert sich in erster Linie an der dargestellten Person und ihrem Charakter, sodass die historische Korrektheit teilweise bewusst hinten angestellt wird. Tatsächlich ist die Hauptaufgabe eines Kostümbildners nicht, die Schauspieler einfach nur schön und historisch korrekt zu verpacken. Kleidung als Kostüm vermittelt auch immer eine Botschaft, klärt die Konstellation der Figuren zu einander (grobes Beispiel: der Böse trägt schwarz, der Gute immer weiß usw.…) oder unterstreicht den Charakter einer Figur auf subtile Weise, welche vom Zuschauer meist nur unbewusst wahrgenommen wird, aber durchaus ihre Wirkung hat.

Nun gibt es die Menschen, welche das Aussehen eines Kostüms und die damit verbundene Wirkung über die Authentizität stellen oder denen die historische Korrektheit generell nicht wichtig ist (was durchaus legitim ist!), und es gibt die Menschen, die die gegenteilige Meinung vertreten.

Ich selbst gehöre zur zweiten Gruppe und vertrete die Meinung, dass die Darstellung historisch korrekter Kleidung im Vordergrund stehen sollte und sich die Darstellung eines Charakters auch mit authentischen Mitteln mehr als hervorragend umsetzen lässt. Natürlich erscheinen uns heutzutage gewisse Moden seltsam oder lächerlich, aber sie würden diesen negativen Ruf gewiss schnell verlieren, wenn Zuschauer nur öfter damit konfrontiert und daran gewöhnt würden. Tatsache ist auch, dass die Vorstellung historischer Moden bei vielen Menschen ausschließlich durch die Medien geprägt wird und sich diese ihrer lehrenden Funktion viel bewusster sein müssten.

Insgesamt dürfen wir schließlich nie vergessen, dass historische Kleidung immer im Kontext einer gewissen Zeit oder eines gewissen Umfelds gesehen werden muss, in dem z.T. völlig andere Moralvorstellungen oder Wertegefühle vorherrschten. Wenn wir die Kleidung eines historischen Films also aus moderner Sicht betrachten, ist dies schon ein völlig falscher Ansatz. Wenn wir die Kleidung nach modernen Vorstellungen „verschönern“, dann verändern wir im Grunde auch die Wirkung und Wahrnehmung einer Person innerhalb seines historischen Umfelds.

Im folgenden Artikel möchte ich mich nun einmal genauer mit der Darstellung der (Damen-)mode aus dem 18. Jahrhundert beschäftigen und habe mir dazu einige Kleider aus den ersten beiden Outlander-Staffeln herausgesucht. Ich habe mir das Gathering-Kleid, das Hochzeitskleid und das rote Kleid aus der 2. Staffel einmal genauer angeschaut und möchte erläutern, wie historisch korrekt sie sind oder in wie fern sie sich von der echten historischen Mode der 1740er unterscheiden. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich wiederholen, dass ich dies ausschließlich aus Sicht einer Historikerin tue, die Wert auf Authentizität legt und alles andere hinten anstellt. Dass abhängig davon alle Kostüme der Serie mit sehr viel Liebe und Können gefertigt sind, steht außer Frage und verdient zweifellos großen Respekt.

Das Kleid zur Gathering und über Kleider des 18. Jahrhunderts allgemein

Beginnen wir mit dem Kleid, welches Claire während der Versammlung in Staffel 1 Episode 4 trägt.

Zum einen stellt sich zunächst die Frage, auf welchem Schnitt dieses Kleid basiert. Von hinten betrachtet ist es ganz offensichtlich eine so genannte Robe a l’anglaise, von vorne wiederum eine Robe a la française, quasi das typische Kleidungsstück der Frauen des Rokoko (ca. 1730 – 1780). Zur Erklärung ein wenig Kostümkunde:

Robe à la française
Quelle: Wikipedia

Die Robe a la française ist im Grunde kein einzelnes Kleid(ungsstück), sondern besteht im Groben aus drei Teilen; dem Manteau (dem mantel-artigen Obergewand) mit den so genannten Watteaufalten an der Rückseite, dem Rock, der nur an der Vorderseite zu sehen ist, und dem Stecker (dem dreieckigen Mittelteil), der auf das (wir sagen neumodisch) Korsett gesteckt wird und wiederum den Manteau an der Vorderseite zusammenhält. Daneben besitzt diese Kleiderform stets ellenbogenlange, volantbesetzte Ärmel, neben denen auch der weiße Volantbesatz des Unterkleides zum Vorschein kommt.

Robe à lAnglaise
Quelle: Wikipedia

Die Robe a l’anglaise dagegen kommt erst einige Jahre später auf, nämlich um 1760 – 70, und besteht neben dem Rock nicht mehr aus Manteau und Stecker, sondern aus einem geschlossenen Oberkleid, während die Ärmel nun eng anliegen und in der Regel keine Volants mehr besitzen.

Wie bei allen modischen Entwicklungen finden sich dennoch vereinzelt Mischformen beider Kleiderarten, die in der Regel bereits als Robe a l’anglaise angesprochen werden, da sie keine Watteaufalten mehr besitzen und am Rücken eng anliegen, aber von vorne auf den ersten Blick wie eine Robe a la française wirken (nicht zu verwechseln mit dem so genannten Mantua gown, das Anfang des 18. Jahrhunderts getragen wurde). Diese tauchen jedoch nicht vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf und wirken für mich auf Castle Leoch im Jahre 1743 doch ein wenig avantgardistisch.

Was durchaus historisch korrekt ist, ist der Tartanstoff, also das schottische Karomuster. Es war nicht unüblich, dass Tartan nicht nur von den Männern im Plaid, sondern auch von den Frauen in ihren Kleidern getragen wurde, aber darauf geh ich später noch einmal genauer ein.

Was mich allerdings zucken lässt, ist das Muster von Stecker und Rock. Es gab im 18. Jahrhundert sowohl florale Muster wie auch bunte Farben und entsprechende Stickereien, aber hier wirkt es in der Kombination viel zu knallig und kontrastreich. Zum anderen beißt es sich doch recht stark mit dem hübschen Tartan ringsum. Runder wäre es gewesen, wenn Rock und Stecker dieselbe Farbe wie der Manteau gehabt hätten und dafür auf andere Art, etwa mit farblich passenden Volants oder Schleifen, verziert gewesen wären. Tatsächlich ist es ein verbreiteter Irrglaube, anzunehmen, dass Stecker und Manteau zwangsläufig verschiedene Farben haben müssen. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall; oftmals (und nicht ganz unbeabsichtigt) waren Manteau, Rock und Stecker aus exakt demselben Muster und Stoff, sodass alles zusammen wie ein einziges Kleidungsstück wirkte. Der farbliche Kontrast kam eher von den angebrachten Verzierungen.

Leider richtig gruselig finde ich das Kleid das Diana Gabaldon während ihres Cameos in derselben Episode trägt, und ich möchte es der Vollständigkeit halber erwähnt haben. Das, was eigentlich ein Stecker sein müsste, ist ganz offensichtlich nur ein angenähtes Stück Stoff, das vielleicht den Eindruck einer Mantua Gown erzeugen soll, da ich zumindest von vorne keinerlei Manteau erkennen kann, der über den Rock fällt. Zudem hat das Kleid extrem riesige steife Ärmelabschlüsse, die eigentlich weich fallende Volants sein sollten und darunter etwas irritierende Dreiviertelärmel, die mich im Entferntesten an die Schinkenärmel der Biedermeierzeit erinnern, wenn man die Polsterung weglässt.

Da dieses Kleid allerdings nur ein paar Sekunden im Bild ist, sei’s drum.

Claires Hochzeitskleid und die Hofkleider des Adels

Kommen wir dann zu dem Kleid, das Claire bei ihrer Hochzeit trägt.

Es ist durchaus hübsch gearbeitet und sieht fantastisch aus, aber im ersten Moment dürfte vielen Kostümkundigen ein wenig die Kinnlade heruntergefallen sein; Was soll das bitte sein? Eine Robe a la française? Eine Robe a l’anglaise, die es eigentlich noch gar nicht geben dürfte? Ein bisschen von beidem?!

Nein, tatsächlich ist das Hochzeitskleid authentischer, als es auf den ersten Blick erscheint, denn es handelt sich um eine so genannte Robe de cour, die hierzulande etwas weniger bekannt ist. Diese Art von Kleid besteht im Groben aus einem versteiften Oberteil mit Rückenschnürung (und dies ist tatsächlich das einzige Kleid des 18. Jahrhunderts, das überhaupt eine Rückenschnürung besitzt, auch wenn man es fälschlicherweise an vielen anderen Robes sieht!), einem separaten, teilweise extrem ausgestellten Rock und angesteckten Ärmeln und wurde zur Zeit Ludwig XIV. vor allem am französischen Hof getragen.

Augenblick! Am französischen Hof?

Ja, so ist es, denn die Robe de cour war in erster Linie ein Kleid für feierliche oder zeremonielle Anlässe an Adelshöfen, erfunden vom französischen Sonnenkönig höchst selbst.

Und hier zeigt sich auch schon, weshalb ich mit dem Kleid nicht ganz warm werde.

Aber von oben nach unten: Es gibt zahlreiche Bildnisse dieser Kleider (besonders ähnlich finde ich hier ein Kleid der Erzherzogin Maria Karolina von Österreich), die bestätigen, dass bei Claires

Quelle: Wikipedia

die Hochzeitskleid durchaus sehr gut gearbeitet wurde, aber ein paar Details stören mich doch ein klein wenig. Zum einen kommt mir die Stickerei, zumindest was den Rock betrifft, doch ein wenig zu modern daher, zum anderen hätte man den Ärmeln durchaus etwas mehr Stoff, d.h. Volumen gönnen können. Aber das, ich gebe es zu, ist meckern auf hohem Niveau und ändert nichts an der Tatsache, dass die Machart des Kleides sehr gut recherchiert und umgesetzt wurde.

Am kritischsten sehe ich allerdings den Umstand, dass es eine festliche (hauptsächlich adelige) Hoftracht in die schottischen Highlands verschlagen haben soll.

‚Warum nicht?’, werden einige rufen, ‚möglich ist vieles’, aber realistisch gesehen halte ich persönlich diese Möglichkeit eher für unwahrscheinlich.

Das war aber noch nicht alles! Nächste Woche kommt der zweite Teil!